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Wie gehe ich mit Subs "ohne Tabus" um?


„Sie können sich ohne Einschränkung an mir austoben!“, „Ich habe keine Grenzen!“ oder „Für mich gibt es keine Tabus!“ sind Aussagen, die man von submissiven Männern nicht selten hört. Gerade wenn man dabei ist, in die sexuelle Dominanz einzusteigen, und einem die Erfahrung nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Einschätzung des Gegenübers fehlt, kann es eine Herausforderung sein, hier gewinnbringende Entscheidungen zu treffen. Die Frage, wie frau damit umgeht, hängt ein wenig vom Grund hinter dieser Aussage ab: Ist es unbewusste Kompensation von Verzicht, ist es bewusste Manipulation, ist es Fehleinschätzung aus Unerfahrenheit, Mangel an Selbstreflexion oder Leistungsdruck und die Hemmung, Schwächen einzugestehen? Unterschiedliche Gründe ermöglichen unterschiedliche Haltungen und Herangehensweisen - aber bevor wir uns diese Möglichkeiten anschauen, möchte ich Verständnis fördern. Ich möchte nicht pauschal darauf eingehen, dass es vermutlich eine schlechte Idee ist, mit einem Mann zu spielen, der „keine Tabus“ hat - sondern vorher versuchen zu erklären, woher es überhaupt kommen kann, dass doch so viele Männer genau das von sich behaupten. Wer die Hintergründe versteht, dem fällt der Umgang leichter - wie überall im Leben.


Kompensation und Kompromiss

Eine Antwort auf diese Frage kann ich natürlich nicht geben, zumindest keine verbindliche, sondern lediglich eine persönliche Einschätzung, die auf einigen Jahren Erfahrung basiert. Im Femdom-Bereich (also dem Bereich im BDSM, der dominante Frauen und submissive Männer anspricht) haben wir eine essentielle Unausgeglichenheit von Angebot und Nachfrage. Die Gruppe der submissiven Männer ist deutlich größer als jene der dominanten Frauen. Hinzu kommt, dass Frauen (egal welcher Neigung) sich auch heute noch etwas mehr zurückhalten, während Männer auf Events, im Internet und auf einschlägigen Plattformen oder Veranstaltungen deutlich präsenter sind. Auf eine dominante Frau kommen also einige submissive Männer. Das ist Fluch und Segen für die dominante Frau: Einerseits ist es der Luxus der freien Wahl (noch mehr als in der BDSM-unabhängigen Sexualität), andererseits aber kann es erschlagend und potentiell schwierig sein, den „Richtigen“ (wofür auch immer) zu finden. Für Männer hingegen ist es - so ehrlich muss man wohl sein - in erster Linie ein Nachteil: Man(n) sollte nicht zu jung bzw. unerfahren sein, aber auch nicht zu alt. Der Charakter sollte zu dem des Gegenübers passen, auf das Aussehen wird nicht selten wert gelegt und noch dazu müssen die Neigungen in einem schier unendlichen Pool an Praktiken und Vorlieben einigermaßen übereinstimmen, um nur ein paar Kriterien zu nennen, auf die frau häufig wert legt. Unter all diesen Kriterien sind die eigenen Neigungen die einzige Angabe, die sich bei Bedarf anpassen lässt. Insgesamt führt das dazu, dass nur ein kleiner Kreis von Männern langfristige Beziehungen finden oder immerhin regelmäßige Begegnungen erleben. Die Mehrheit lebt länger ohne als mit der Möglichkeit, sich hier sexuell auszuleben. Für die meisten Männer kommen auf eine erfolgreiche Begegnung zehn erfolglose. Einige leben sogar über Jahre hinweg in Abstinenz, in Verzicht, in Sehnsucht oder geben bei all dem aufgebauten Frust sogar gänzlich auf, ihre Neigung real auszuleben bzw. weichen (wenn sie die Mittel dafür haben) auf ein professionelles Studio aus, um zumindest einen Teil davon real erleben zu können. Dieser Umstand führt nachvollziehbar zu Frust und anderen, häufig negativen Gefühlen. Die Frage ist also, wie man(n) damit umgeht. Es gibt die Männer, die sich nicht beirren lassen, die sich ihrer Qualitäten, ihrer Ansprüche bewusst sind und so lange warten, bis sie ein passendes Gegenüber finden, das auf die eigenen und seine Bedürfnisse Rücksicht nimmt, ohne dass sie sich in der Zwischenzeit von ihrem Misserfolg beeinflussen lassen. Ich würde behaupten, die Mehrheit gehört nicht zu dieser Gruppe - und häufig halte ich es für nachvollziehbar. Meine persönliche Einschätzung ist spannenderweise nicht, dass die meisten der anderen Männer ihren Frust irgendwann an Frauen auslassen, sondern, dass viele nach einem gewissen Zeitraum der Abstinenz ihre eigenen Ansprüche herunterschrauben, sich in Verzicht üben, sich mit weniger als den ursprünglichen Hoffnungen zufrieden geben und offen sind für vieles, wenn nicht gar alles - wenn sie nur einen Teil ihrer Sehnsüchte gestillt sehen. Ich persönlich möchte nicht tauschen mit jemandem, der Monate, Jahre, manchmal auch Jahrzehnte nicht die Möglichkeit hat, seine sexuelle Neigung real auszuleben - ich habe also großen Respekt für Männer, die trotz dieses Umstands keine merkliche Frustration entwickeln, sowie Nachsicht gegenüber jenen, die diesen Verzicht anders kompensieren. Diese Nachsicht möchte ich einerseits gern empfehlen, falls so etwas möglich ist, weil ich all die Geschichten von Männern im Kopf habe, die unter diesem Ungleichgewicht ehrlich leiden. Andererseits bin ich ein großer Freund von Eigenverantwortung und der Haltung, dass jeder Mensch für sein eigenes Handeln verantwortlich ist - etwas, das ich gerade im Bereich Sexualität und BDSM für essentiell halte. Wenn also ein Mann euch sagt, er habe keine Limits und man könne „alles“ mit ihm machen, dann kann das eine Strategie zur Kompensation sein, also eine Folge aus dem oben beschriebenen: Wer lange verzichten muss, geht irgendwann jeden Kompromiss ein. Vielleicht handelt es sich also um einen Mann, der davon überzeugt ist, dass es besser ist, das zu tun, was die dominante Frau möchte (unabhängig von seinen eigenen Neigungen) als gar nichts. Um also nicht das Risiko einzugehen, dass diese Frau „nein“ sagt, stimmt er präventiv allem zu. In diesem Fall halte ich eine gewisse Nachsicht für angebracht in Kombination mit Kommunikation, aufrichtigem Interesse und ehrlicher Rückmeldung - unabhängig davon, ob diese Kommunikation dann in einem Spiel endet oder nicht.


Von Leistungsdruck bis Fehleinschätzung


Vielleicht aber hat die Aussage „ich habe keine Tabus“ auch völlig andere Gründe, die mit allem, was ihr bisher gelesen habt, nichts zu tun haben. Vielleicht handelt es sich um einen Mann, der unerfahren oder unwissend ist in Bezug auf Sexualität und/oder sich selbst. Nicht selten haben gerade Männer das Bedürfnis, ihre Grenzen eher zu weit zu stecken als zu eng. Oder anders gesagt: sich zu überschätzen oder sich zumindest so darzustellen. Auch das kann unterschiedliche Gründe haben: Von Charaktereigenschaft über Haltung bis zu Druck aus der Gesellschaft, weil von Männern in der Regel Leistung erwartet wird und sie dazu erzogen werden, keine Schwäche zu zeigen. Auch hier gilt es also (falls man gewillt ist, das zu tun), herauszufinden, ob es schlichte Selbstüberschätzung ist, eine Fehleinschätzung, Naivität oder eben die Hemmung zuzugeben, dass man mit einer gewissen Praktik Schwierigkeiten hat. In der Regel lässt sich das an der Art und Weise der Kommunikation ganz gut erkennen. Auch hier ist die Frage, wie frau damit umgehen möchte: Ich kann in jedem dieser Fälle Kommunikation empfehlen - im schlimmsten Fall kommt es nicht zu einem Spiel, aber beide haben etwas gelernt oder Erfahrungen ausgetauscht. Auch hier kann Nachsicht angebracht sein, vor allem, wenn man bemerkt, dass eine gewisse Hemmung oder vielleicht sogar Angst im Spiel ist. Sollte es sich um eine überzeugte Haltung handeln, sieht die Sache ein wenig anders aus - aber dazu später mehr.

Manipulation und Mangel an Selbstreflexion

Ich persönlich halte jeden der oben genannten Gründe für zumindest nachvollziehbar und für jeweils einen Grund, der nicht zwingend ein K.O.-Kriterium sein muss, vorausgesetzt man kann offen über die Hintergründe sprechen und findet sich in einem ehrlichem Austausch wieder. Ich halte nicht nur angelernten Leistungsdruck oder unbewusste Kompensation aus Angst vor weiterem Verzicht für Gründe, die Nachsicht rechtfertigen, sondern auch eine gewisse Unerfahrenheit, Fehleinschätzungen oder Unwissenheit (vielleicht ist demjenigen überhaupt nicht bewusst, was alles zu BDSM gehört). Das alles sind menschliche Eigenschaften, über die wir alle bei Gelegenheit einmal stolpern. Wichtig ist es dann eben, ehrlich zu kommunizieren und vielleicht ein paar falsche Bilder von BDSM zurechtzurücken. Gründe, die ich hingegen tatsächlich für K.O.-Kriterien für ein Spiel oder mindestens für große Red Flags halte, sind Manipulation und Mangel an Selbstreflexion. Wenn ich also merke, dass ein Mann durchaus weiß, was seine eigenen Vorlieben sind bzw. er durchaus Erfahrung hat und seine Grenzen kennt, mir aber suggeriert, dass ich „alles“ mit ihm machen kann, was ich will, um zu erreichen, dass ich ihn als einen Sechser im Lotto wahrnehme, halte ich das für Manipulation - und das wiederum für ein eindeutiges Warnsignal. Der zweite Grund für die Aussage „ich habe keine Tabus“, den ich für kritisch halte, ist, wenn ein eindeutiger Mangel an Selbstreflexion besteht. Während also zum Beispiel in einem Fall ein unerfahrener Mann, dem die Spielarten aus dem BDSM nicht bewusst sind, keine Grenzen angibt, aber schnell zurückrudert, sobald man ihm erklärt, was das alles bedeuten kann, dann erkenne ich Selbstreflexion und die Fähigkeit, sich kritisch zu hinterfragen - und das halte ich im BDSM für eine zwingende Voraussetzung. Im Gegensatz dazu stünde also der Mann, der „keine Tabus“ zu haben behauptet, bei Hinweis darauf, was das bedeutet würde, aber bei seiner Haltung bleibt und davon überzeugt ist, dass er keine Grenzen hat. In diesem Fall wäre ich vorsichtig und würde mich von einem Spiel distanzieren, weil ich die für BDSM nötige Selbstreflexion bzw. Selbstkritikfähigkeit nicht erkennen könnte.

Grundlegend muss nämlich eine Sache klar sein: Ich muss mich zu 100% darauf verlassen können, dass mein Gegenüber ehrlich zu mir ist. Damit meine ich mitnichten, dass jemand vollständig aufrichtig all seine Gefühle und Gedanken mit mir teilen muss. Sondern dass er im Fall der konkreten Kommunikation über unser beider Spiel ehrlich und selbstreflektiert eigene Grenzen kommuniziert - zu seiner und meiner Sicherheit. Wenn ich mich darauf nicht verlassen kann, kann ich auch nicht vernünftig und in sicherem Rahmen spielen.


Zusätzlicher Hinweis: Es ist ein essentieller Unterschied, ob jemand sagt „ich habe keine Grenzen“ oder „ich weiß nicht, wo meine Grenzen liegen“. Letzteres kann durchaus der Fall sein, während ersteres höchstwahrscheinlich eine Fehleinschätzung ist (aus welchem Grund auch immer). Beides hat zur Folge, dass man als dominanter Part keinen klaren Rahmen hat und sich auf Weg machen muss, diesen herauszufinden. Der Unterschied liegt in der ehrlichen Kommunikation, auf die ich mich im zweiten Fall tendenziell eher verlassen kann als im ersten. Sowie in der realistischen Selbsteinschätzung im zweiten Fall, die für BDSM grundlegend wichtig ist (Wie man mit dem zweiten Fall umgeht, erfahrt ihr im Kapitel „Wie spiele mit einem Mann, der selbst Anfänger ist?“).

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