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Verbale Dominanz II: Vor dem ersten Wort

Aktualisiert: 28. Mai 2022


Inzwischen haben wir gelernt, worin der Unterschied zwischen Verbaler Dominanz, Verbaler Demütigung und Dirty Talk liegt, und auch, warum die Verbale Erotik allgemein so gefragt, aber zugleich von einer so großen Hemmung besetzt ist. Damit können wir nun also zur praktischen Anleitung kommen und vor allem der Frage, wie man Verbale Dominanz nun konkret lernen kann.


  1. Stimme und Atmung

Stimme und Atmung sind die Basis des (erotischen) Sprechens an sich - aber warum sind beide so essentiell? Die Atmung bildet die Grundlage nicht nur unserer Stimme, sondern auch unseres gesamten physischen Systems. Die meisten Menschen atmen standardmäßig „thorakal“, so bezeichnet man die Brustatmung. In Abgrenzung dazu gibt es die Bauch- bzw. Zwerchfellatmung. Für das erotische Sprechen ist die Unterscheidung der Atmung deshalb wichtig, weil die Bauchatmung einerseits eine größere Resonanz sowie eine vollere Stimme erzeugt, was gemeinhin als erotisch wahrgenommen wird. Aber mehr noch hat die Bauchatmung direkten Einfluss auf unser Nervensystem, weshalb sie als essentieller Bestandteil der allermeisten gängigen Entspannungstechniken eingesetzt wird. Oder anders: Durch die gezielt eingesetzte Bauchatmung entspannen wir uns. Das sind gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe, denn während unsere Stimme voller und damit erotischer klingt, beruhigen wir unser Nervensystem und tragen zu einem Entspannungsmodus bei, der sich wiederum auf unsere Körpersprache auswirkt, unsere Ausstrahlung und natürlich auch beruhigend auf die innere Unsicherheit. Wenn ihr die Zwerchfellatmung üben möchtet, müsst ihr nichts weiter tun, als euch bewusst aufrecht auf einen Stuhl zu setzen oder (falls ihr darin noch sehr ungeübt seid) euch auf den Rücken zu legen und eure Hand auf euren Bauch zu legen. Atmet jetzt so, dass eure Hand sich hebt und senkt. Achtet einmal bewusst auf das, was ihr beim Atmen jetzt anders macht, variiert ein wenig, atmet länger aus als ein, und merkt euch diese Art zu atmen. Anschließend könnt ihr bei jeder Gelegenheit versuchen, bewusster "in den Bauch“ zu atmen und versuchen, diese Atmung zur Gewohnheit werden zu lassen, sie in einen natürlichen Rhythmus zu wandeln und sie schließlich bewusst mit dem Sprechen zu verbinden. Die Stimme selbst ist ähnlich wichtig, wenn es darum geht, durch Sprechen eine gewisse Stimmung zu erzeugen oder man eine gewisse Absicht verfolgt. Wichtig zu wissen, ist, dass Angst und Anspannung sich physisch auf die Stimmbänder auswirken, weshalb man in Zuständen der Anspannung auch häufig in einer höheren Tonlage spricht. Oft sind die Unterschiede so minimal, dass sie uns nicht auffallen würden, das Unterbewusstsein unseres Gegenübers sie aber durchaus wahrnimmt. Das ist dem Menschen so eigen, insgesamt so natürlich, dass unser Gehirn hohe Stimmen häufiger mit Unsicherheit in Verbindung bringt und wir uns automatisch bei tieferen, basslastigeren Stimmen wohler fühlen. Jetzt ist es natürlich nur bedingt möglich, die eigene Stimme tatsächlich zu verändern, aber man kann durchaus Einfluss auf den Grundton nehmen. Wichtig hierfür ist in erster Linie Entspannung. Allgemeine Entspannung genauso wie Entspannung der Stimmbänder. Das erreicht ihr ebenfalls durch kleine Übungen, wie das weite Öffnen eures Mund- und Rachenraums (wie beim Gähnen) oder einem langgezogenen Summen (so dass ihr ein leichtes Vibrieren an den Lippen spürt). Je mehr Vibration entsteht, desto tiefer ist der Grundton eurer Stimme. Entspannung, Atmung und Tonlage einzeln zu üben und dann bewusst miteinander zu verbinden, ist etwas, das ein wenig Durchhaltevermögen erfordert, sich aber auf die lange Sicht lohnt: Nicht nur im BDSM, sondern auch in anderen Bereichen, denn es führt insgesamt zu innerer Entspannung und einem selbstsicheren Auftreten (mehr dazu im Kapitel „dominantes und selbstsicheres Auftreten).

2. Lautstärke

Ich werde häufig gefragt, ob man als dominante Frau denn lernen muss, laut und herrisch zu sprechen - für viele Frauen wäre das ein Ausschlusskriterium in Sachen sexuelle Dominanz, weil es ihrer Natur einfach nicht entspricht. Genau deshalb ist mir wichtig, an dieser Stelle sehr deutlich zu sagen: Dominanz und Lautstärke haben erst einmal überhaupt nichts miteinander zu tun. Natürlich gibt es dominante Frauen (im bezahlten wie im privaten Bereich), für die Lautstärke dazu gehört und für die ein herrischer Tonfall Dominanz ausstrahlt - genauso wie es Männer gibt, die genau das mit Dominanz verbinden. Solltet ihr zu diesen Frauen gehören, gilt es, genau diese Art zu sprechen zu üben, die Stimme zu trainieren und die Selbstsicherheit zu erlangen, um sich in diesem Ton wohl zu fühlen. Meiner Erfahrung nach tendieren die meisten Frauen aber zu einer gewöhnlichen Sprech-Lautstärke, wenn nicht gar zu leiser bzw. subtiler Dominanz - genauso wie meiner Erfahrung nach die Mehrheit der submissiven Männer eher auf die subtile statt die laute Dominanz reagieren (ganz ohne das werten zu wollen!). Wichtig ist also, zu verinnerlichen, dass es nicht darum geht, eine bestimmte Lautstärke zu üben, einen Tonfall zu lernen oder bestimmte Begriffe auswendig zu lernen, sondern - wie so häufig - darum, herauszufinden, welche Art von Dominanz sich für euch am besten anfühlt. Das führt mich auch schon zum nächsten Punkt.

3. Authentizität Die absolute Grundlage im erotischen Sprechen an sich ist in meinen Augen Authentizität - aus einem recht einfachen Grund: Wer versucht, etwas zu sein, was er nicht ist, oder eine Rolle spielt, die nicht zu ihm passt, wird immer unnatürlich wirken. Diese Unnatürlichkeit führt einerseits dazu, dass man nie an den Punkt kommt, an dem sich die Dominanz natürlich und damit eben auch sicher und routiniert anfühlt. Sie bleibt dann ein auswendig gelerntes Skript. Andererseits führt sie dazu, dass euer Gegenüber euch entweder nicht ernst nehmen kann oder nicht auf die Dominanz reagiert, weil es eben nicht authentisch wirkt. Die erste Frage ist also einmal mehr: Was passt zu mir und was fühlt sich gut an? Laut und herrisch oder eher leise und subtil? Vulgäre Sprache oder eher dezente Gemeinheiten? Klare Anweisungen oder eher sarkastische Fragen? Es gibt so viele Arten der Dominanz wie es dominante Menschen gibt. Hier gilt vordergründig: Erfindet euch, probiert euch aus und befreit euch von angelernten Regeln und Etiketten, die vielleicht im Alltag gelten. In der einvernehmlichen, lustvollen sexuellen Dominanz gibt es kein pauschales „das darf man nicht“ und auch kein allgemeines „so sollte man nicht sein“. Es gibt nur die Frage danach, was allen Beteiligten gut tut. Im folgenden Teil werde ich konkrete Übungen und Tipps auflisten und den Fragen nachgehen: Wie spricht man denn nun dominant? Wie finde ich die richtigen Worte? Was mache ich, wenn mir wirklich nichts über die Lippen kommt und ich mich unwohl oder gehemmt fühle? Welche Tipps und Kniffe gibt es, die man zur Überbrückung einfach „lernen“ kann?

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